Grübeln oder “Aus dem Bauch” spielen?

Die Zeit vergeht, erste Mitspieler fangen schon an zu gähnen und trotzdem denkt der aktive Spieler noch über seinen Zug nach. Solche Grübler kennt sicher jeder Brettspieler.

In diesem Artikel gehe ich darauf ein, warum manche grübeln, andere eher aus dem Bauch spielen. Warum gibt es diese Unterschiede, wie geht man damit um und wie ist das eigentlich bei mir?

Über eure Erfahrungen und Meinung zu diesem Thema würde ich mich sehr freuen.

Grübeln oder aus dem Bauch spielen?

In Brettspiel-Foren liest man oft von Grüblern und “Aus dem Bauch” Spielern. Das sind 2 Einordnungen, die in der Praxis sicher nicht so trennscharf sind. Dazwischen gibt es alle möglichen Varianten.

Doch was bedeutet Grübeln und “aus dem Bauch heraus spielen” eigentlich genau?

Das Hauptmerkmal von Grüblern ist sicher, dass sie sehr lange für ihre Züge brauchen. Das kann verschiedenste Gründe haben. Oft denken sie diverse Züge voraus oder überdenken wieder alles, wenn sie dran sind.

Oft ist es auch ein Durchrechnen, um den optimalen Zug zu finden, oder es sind Spiele mit vielen, vielen Möglichkeiten und diese Grübler versuchen alle Alternativen durchzudenken.

Es gibt den Begriff der Analysis Paralysis (AP). Dieser wird für verschiedenste Fälle genutzt, aber eben auch bei Spielen. Hiermit wird ein Erstarren beschrieben, welches durch eine Überforderung durch die Möglichkeiten entsteht.

Aus dem Bauch spielen wird meist dann als Bezeichnung gewählt, wenn jemand nur recht wenig Zeit für seinen Zug benötigt. Oft liegt es daran, dass die erste sinnvoll erscheinende Option genommen wird.

Auch offensichtliche Züge werden hier meist nicht hinterfragt. Man verlässt sich auf das eigene Gefühl.

Natürlich gibt es noch mehr Gründe für die eine oder andere Spielweise. Dazu nun mehr.

Gründe für langes Grübeln

Ist das Grübeln, also lange Züge, wirklich ein Zeichen dafür, dass jemand das Spiel sehr gut durchdenkt? Das wird oft damit gleichgesetzt, aber das muss nicht so sein. Es kann auch einfach sein, dass er Schwierigkeiten hat die offensichtlichen Züge zu sehen oder durch die vielen Optionen überfordert ist (AP).

Ich habe bei manchen Grüblern zudem den Eindruck, dass diese glauben, dass sie mit besonders langer Bedenkzeit das maximale Ergebnis erzielen können. Umso ärgerlicher ist es dann für alle anderen Spieler am Tisch, wenn sie dann doch nur einen guten oder sogar einen schlechten Zug machen.

Auch die Angst den falschen Zug zu machen, treibt einen Teil der Grübler an, wobei man sich dann hier fragen muss, ob sie das Spiel wirklich nur zum Spaß spielen.

Es kommt sicher auch auf das Spiel an. Es gibt Spiele, wo man keine Fehler machen sollte. Das ist z.B. bei Spielen vom Verlag Splotter so. Food Chain Magnate ist ein tolles Spiel, aber hier ist man schnell abgeschlagen, wenn man Fehler bzw. nur suboptimale Züge macht.

Grübeln oder aus dem Bauch spielen?

Andere Brettspiele sind dagegen eher zu durchschauen. Es gibt mehrere gute Zugmöglichkeiten und auch weniger Optionen, die die Auswahl einschränken.

Zudem kann man je nach Spiel schon während der Züge der anderen Spieler über den eigenen Zug nachdenken. Aber es gibt da eben auch Spiele, da kann man eigentlich erst die eigene Aktion überdenken, wenn man dran ist. Five Tribes ist dafür ein Beispiel, bei dem ich meine Vorausplanungen meist wieder über den Haufen werfen muss, wenn ich dran bin. Auch bei Kingsburg muss man oft neu planen, wenn die Spieler vor einem gesetzt haben.

Grübeln oder aus dem Bauch spielen?

Eine ganz wesentliche Rolle spielt m.M.n. zudem die Erfahrung mit dem Brettspiel. Wenn man die Regeln genau kennt, schon viele Strategien ausprobiert hat usw., dann wird aus manchem Grübler eher ein gefühlter “Bauch-Spieler”?

Sind Bauchspieler die schlechteren Spieler?

Aus Sicht der Grübler mag das teilweise so aussehen. Doch auch bei Bauchspielern gibt es unterschiedliche Gründe dafür. Während der eine wirklich nicht groß nachdenken will und deshalb nicht die besten Züge macht, sind andere einfach schneller.

Ich habe in einer Brettspiel-Runde einen Mitspieler, der ein extremer Vielspieler ist. Meist ist er auch der Erklärer der Spiele. Er macht recht schnelle Züge, auch wenn wir neue Brettspiele auf dem Tisch haben. Dabei ist er aber ein sehr guter Spieler. Er spielt einfach zügig, statt aus dem Bauch. Es ist bei ihm sicher auch die große Erfahrung mit Brettspielen generell. Er kennt einfach viele Mechanismen in und auswendig und kann die Optionen und deren Auswirkungen sehr schnell einschätzen.

Dagegen hatten wir letztens einen Mitspieler bei Minerva, der schon lange nicht mehr da war und den ich zumindest nicht kannte. Er hat recht lange für sein Züge gebraucht und war damit eigentlich der Prototyp eines Grüblers. Der gerade erwähnte Vielspieler war schon ein wenig genervt. Aber man muss sagen, dass der Grübler ebenfalls sehr gut gespielt hat. Er war also nicht überfordert, sondern hat einfach gut überlegt.

Grübler vs. Bauchspieler

Nach meiner Erfahrung sind Grübler und Bauchspieler an sich nicht das Problem. Es kommt eben nur zu einem Problem, wenn beide aufeinandertreffen. Spieler die Grübler unter sich, dann ist das meist kein Problem, genauso wie die “Aus dem Bauch” Spieler. Wobei den “Aus den Bauch” Spielern sicher eher die Grübler nerven, als umgedreht.

Unter dem Strich stellt sich die Frage, was einem Spaß macht. Den Grüblern macht sicher genau dieses Grübeln sehr viel Spaß, während andere eben nicht groß den Kopf anstrengen wollen oder einfach schneller sind.

Ich zähle mich persönlich zu den “Aus dem Bauch”-Spielern. Bei Erstpartien will ich gar nicht gewinnen, sondern erstmal das Spiel kennenlernen. Das resultiert in recht schnellen Zügen. Wenn ich das Spiel dann kenne, weiß ich meist ganz gut, was der beste Zug ist (oder zumindest ein guter Zug) und auch das führt zu recht schnellen Zügen.

Mir persönlich fällt es schwer nachzuvollziehen, warum jemand bei jedem Zug wieder alles durchdenkt und ewig grübelt. Ich arbeite viel und möchte mich bei Brettspielen entspannen und Spaß haben. Alles zu optimieren und durchzurechnen wäre für mich eher Arbeit als Spaß.

Das führt mich zur Frage, wie wichtig den Spielern das Gewinnen ist. Mir bedeutet Gewinnen nicht so viel, wie das Spielen an sich. Deshalb bin ich eben eher der Bauchspieler. Für andere scheint das Gewinnen der Hauptgrund zum Spielen zu sein und entsprechend ernster nehmen sie es.

Evtl. sollte man auch hier versuchen eine Spielgruppe zu finden, die mit ähnlichen Ambitionen an ein Spiel geht.

Fazit

Klar ist sicher, dass es einfach unterschiedliche Spielertypen gibt. Es sind eben nicht nur die 2 Extreme, sondern es gibt da eine große Vielfalt an Gründen, warum der eine so spielt oder der andere so.

Ich muss glücklicherweise sagen, dass in meinen Spielrunden kein wirkliches Extrembeispiel dabei ist. Auch wenn manche länger brauchen, ist das meist immer noch im Rahmen.

Wenn es aber zu weit auseinanderdriftet und der Spaß am Spielen dadurch verloren geht, sollte man einfach nicht zusammen spielen. Das ist zwar nicht immer so einfach, da man oft nicht gerade eine große Auswahl an Mitspielern hat, aber für den eigenen Spaß ist das schon wichtig.

Wie ist das bei euch? Wie spielt ihr am liesten und was macht ihr mit Mitspielern, die das ganz anders angehen?

4 Kommentare

  1. Ich gehöre zu den Grüblern und mache meine Mitspieler damit durchaus auch mal wahnsinnig. Ich spiele am liebsten Spiele mit geringem Glücksfaktor und möchte am Ende des Spiels selbst “Schuld” sein, wenn ich verloren habe. Damit ich meine Strategie für die nächste Partie überdenken und verbessern kann. Das führt dann gerade bei Brettspielen, bei denen mein Zug erst geplant werden kann, nachdem meine Mitspieler dran waren, dazu, dass ich zu lange brauche.

    Mich ärgert es eigentlich auch selbst. Ich wär gern schneller, habe aber auch irgendwie den Anspruch, alle Varianten und Folgen der Züge durchzuspielen. Alles andere würde für mich dann bedeuten, dass ich denke: “Hättest du doch besser länger überlegt, dann wäre es 3 Züge später besser für dich gelaufen”. Schlimm :-D

  2. ” Mir bedeutet Gewinnen nicht so viel, wie das Spielen an sich. Deshalb bin ich eben eher der Bauchspieler.” — Das kann ich so für mich auch unterschreiben. Es geht halt um Spaß und nicht um Arbeit. Was ich jedoch wirklich schlimm finde, sind Grübler, die schlechte Verlierer sind. Und die besonders angefressen sind, wenn sie gegen einen “Bauchspieler” verloren haben.

  3. Vom Naturell bin ich eher der Grübler, leide aber oft sehr darunter. Man setzt sich halt auch selbst unter Druck nach so langer Grübelzeit dann doch nicht das ideale Ergebnis erzielt zu haben.

  4. Ich bin eher ein Aus-dem-Bauch-Spieler und Gewinnen ist eher Zweitens.
    Da zählt eher die Atmosphäre und der Spaß.
    Ich bin der Meinung es ist extrem spielabhängig. Wenn Puerto Rico, Futuropia, Funkenschlag anstehen – also Spiele mit 0 Glücksfaktor, dann neige ich auch zum Grübeln.
    Bei Spielen, wo das Würfeln im Vordergrund steht, wie ‘Korsaren der Karibik’ oder ‘A touch of Evil’, bin ich Bauch-Spieler. Da kann man viel überlegen und der Würfel macht alle Pläne zunichte…

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