Vom Gesellschaftsspiel zum Solospiel? Interessante Statistiken

In meiner Wahrnehmung hat der Anteil der Brettspiele in den letzten Jahren deutlich zugenommen, die man solo spielen kann. Entwickeln wir uns weg vom Gesellschaftsspiel hin zum Solo-Spiel?

Und wie sieht es bei mehr Spielern aus? Sind 5- und 6-Spieler-Spiele vom Aussterben bedroht?

Ich schaue mir einige interessante Analysen der unterstützen Spielerzahlen von Brettspielen an und versuche herauszufinden, was das für die Zukunft unseres Hobby bedeutet.

Der Trend hin zu Solo-Brettspielen

Nach meinem eigenen Empfinden steigt das Interesse am Solo-Spielen. Es gibt inzwischen einige Solo-Brettspiel-Podcasts, es gibt auf YouTube mehr Videos dazu (Solo Let’s Plays) und auch in Kickstartern wird heutzutage sehr oft ein Solo-Modus mit angeboten.

Auch ich selbst merke an mir, dass ich gern mal solo spiele, was sich auch in meiner Top 10 Solo-Brettspiele Liste zeigt.

Doch ist diese Wahrnehmung korrekt? Unterstützen das auch die Daten auf BoardGameGeek?

Dazu gibt es eine interessante Auswertung auf BGG, bei der die 1.000 am häufigsten bewerteten Brettspiele analysiert wurden.

In dieser Statistik ist ein starker Anstieg bei der Unterstützung eines Solo-Modus zu sehen. Es geht hier also nicht um reine Solo-Spiele, sondern um Spiele, die 1 und mehr Spieler unterstützen. Lag dieser Anteil bei den 1.000 am häufigsten bewerteten Spielen, die von 2.000 bis ca. 2007 erschienen sind, noch bei nahe 0%, liegt dieser bei den 2017 erschienenen Spielen bei fast 50%.

Diese Entwicklung scheint auch diese Auswertung aller BGG-Spiele nach Jahrgang zu untermauern. Hier gab es einen stetigen Anstieg der 1-Spieler-Unterstützung in Brettspielen. 2018 liegt der Anteil bei immerhin 24%.

Und in diesen Auswertungen sind kooperative Spiele gar nicht inbegriffen, die oft auch solo gut spielbar sind, selbst wenn das offiziell gar nicht angegeben wird.

Kleinere Spielrunden im Kommen!?

Es scheint so zu sein, dass kleinere Spielerunden stärker im Kommen sind und große Gesellschaftsspiel-Runden zurückgehen. Die Auswertung zeigt, dass immer mehr Spiele auch zu zweit spielbar sind.

Lag deren Anteil unter den am häufigsten bewerteten Spielen am Anfang des Jahrtausends bei rund 70%, so waren es 2017 fast 100%.

Dagegen sinkt der Anteil der Spiele, die 5 Spieler unterstützen. Bei im Jahr 2000 erschienenen Spielen waren es ca. 60%, 2017 hat sich das auf rund 30% halbiert.

Ich habe mal die in den Jahren 2000 und 2017 erschienenen Spiele auf BGG miteinander verglichen und welche Spielerzahlen diese unterstützen. Dabei habe ich die Erweiterungen rausgelassen.

Spieler-Anzahl UnterstützungSpiele aus 2000Spiele aus 2017Wachstum
1 Spieler172738355%
2 Spieler1.0703.045185%
3 Spieler8772.863226%
4 Spieler8832.936232%
5 Spieler5721.773209%
6 Spieler5001.287157%

Es gibt mehr Wachstum bei den Spielen mit 1-Spieler-Unterstützung. Und man sieht, dass die Spiele mit 5 oder 6 Spielern nicht so ein starkes Wachstum haben, wie die mit 3 und 4 Spielern. Es macht tatsächlich den Anschein, als gibt es einen Wandel hin zu kleineren Spielrunden.

Allerdings sieht man hier auch sehr gut, dass es insgesamt viel mehr Spiele gibt. Für alle Gruppengrößen ist also was dabei und die 2-4 Spieler Spiele machen immer noch den größten Anteil aus.

Vorsicht vor den Spielerangaben

Bevor ich dazu komme, welche Gründe diese Entwicklung haben könnte, möchte ich noch kurz etwas zu diesen Analysen sagen. Man sollte diese auf jeden Fall mit Vorsicht genießen.

Die meisten Auswertungen basieren auf den Angaben der Publisher/Verlage. Tendenziell scheinen diese immer mehr zu versuchen alle Zielgruppen anzusprechen. Deshalb werden teilweise eben auch Spielerzahlen auf den Packungen angegeben, die nicht so gut funktionieren.

Und gerade auf Kickstarter sieht man sehr stark den Trend, dass per Stretch Goal noch ein Solo-Modus hinzugefügt wird, ob das Sinn macht oder nicht.

Schaut man sich dagegen die Auswertung nach der Community-Spieleranzahl-Angabe “Best” (also mit welcher Spielerzahl funktioniert ein Spiel am besten) auf BGG an, zeigt sich ein etwas anderes Bild.

Auch hier wurden die 1.000 am häufigsten bewerteten Spiele auf BGG ausgewertet. Solo-Modi sind hier deutlich weniger vertreten. Bei den Spielen aus 2017 sind unter “Best” nur ca. 8% angegeben, verglichen mit den 45% der erschienenen Spiele, die 1 Spieler unterstützen.

Bei den Spielen, die u.a. 2 Spieler unterstützen, gibt es ebenfalls einen großen Unterschied. Nur ca. 28% werden als beste Spielerzahl angegeben, während insgesamt rund 95% der erschienenen Spiele 2 Spieler unterstützen.

Es scheint also so zu sein, dass immer mehr Spiele 1 und 2 Spieler unterstützen, aber diese Modi nicht so viel Spaß machen, wie mit mehr Spielern.

Nimmt man die “Recommended” Empfehlung noch mit dazu (welche Spielerzahlen werden von der Community für ein Spiel empfohlen), sieht es besser aus. Immerhin haben hier die Spiele mit einem 1-Spieler-Modus einen Anteil von 30%, werden also von der Community empfohlen. Verglichen mit dem Anteil von 45% aller Spiele, die einen 1-Spieler-Modus haben, werden also gut 2 Drittel auch empfohlen.

Beim 2-Spieler-Modus sieht es noch besser aus. Die 95% entspricht ziemlich genau auch der Angabe der Verlage. Hier werden also so gut wie alle 2-Spieler-Modi auch von der Community empfohlen.

Während die Solo-Modi also nicht immer überzeugen, sieht das bei den 2-Spieler-Modi sehr gut aus.

Gründe für diese Entwicklung

Was könnten die Gründe für diese Entwicklung hin zu kleineren Spielrunden sein?

Da gibt es sicher viele Gründe oder besser gesagt Vermutungen. Ich liste im Folgenden einige auf, aber das sind, wie gesagt, meist reine Vermutungen. Diese lassen sich nur schwer belegen.

Kleinere Haushalte

Im Statistischen Jahrbuch 2017 findet man auf Seite 56 die Entwicklung der Haushalts-Größen in Deutschland. Demnach ist die Zahl der 1 Personen-Haushalte von 37% im Jahr 2000 auf 41% im Jahr 2016 angestiegen. Die Zahl der 2 Personen-Haushalte blieb dagegen stabil bei 34%.

Die Anzahl der 3 Personen-Haushalte ist im selben Zeitraum von 14 auf 12% gesunken und auch die 4 Personen-Haushalte sanken von von 11 auf 9%. Die Haushalte mit mehr als 4 Personen sanken von 4 auf 3%.

Insgesamt ist seit 1991 bis 2016 der Anteil der 1 Personen-Haushalte von 33,6% auf 41,1% angestiegen. Bei den Mehrpersonenhaushalten sank der Anteil entsprechend von 66,4% auf 58,9%.

Das sind keine großen prozentualen Veränderungen, aber auch hier ist der Trend hin zu kleineren Haushalten zu erkennen. Und das wirkt sich sicher ein wenig auch auf die Größe der Spielrunde aus, da viele Gesellschaftsspiele ja eben auch von Familien gespielt werden.

Auf Twitter lese ich z.B. immer wieder, dass Abends nur mit dem Partner gespielt wird. Auch wenn diese Entwicklung keine riesigen Auswirkungen haben wird, so trägt sie wahrscheinlich einen kleinen Teil dazu bei.

Ältere Spieler

Ein weiterer Grund könnten die Spieler selbst sein, die immer älter werden. Gerade die langjährigen Spieler, die im Studium oder in der Schule viel mehr Zeit zum Spielen hatten, können das heute oft nicht mehr in dieser Form.

Oft gibt es auch nicht mehr die vielen Kontakte zu anderen Spielern, wie früher. Deshalb wird da teilweise wahrscheinlich mehr solo oder eben zu zweit gespielt. Zumindest höre ich immer wieder, dass ältere Spieler weniger in großen Gruppen spielen (weil es an Zeit und Gelegenheit mangelt).

Weitere Verbreitung

Das Internet hat dafür gesorgt, dass Brettspiele von immer mehr Menschen gespielt werden. Hat man früher moderne Brettspiele wohl meist über Spielerunden und Brettspiel-Läden kennengelernt, ist das heute dank YouTube und Co. bequem von zu Hause möglich.

Der Boom in den letzten Jahren kam unter anderem durch YouTube, Podcasts und Blogs. Damit würde ich vermuten, dass sich das Hobby auch mehr im ländlichen Raum verbreitet hat, wo man früher mit diesem Hobby einfach nicht so oft in Kontakt kam, im Vergleich zu den Großstädten.

Dennoch gibt es im ländlichen Raum oft weniger Mitspieler und Spielegruppen, was ich aus eigener Erfahrung kenne. Auch das könnte ein Grund dafür sein, das kleinere Spielrunde und Solo-Partien zunehmnen.

Kickstarter

Kickstarter hatte ich ja schon angesprochen. Dort gibt es gefühlt in jeder zweiten Brettspiel-Kampagne einen Solo-Modus, der per Strech Goal hinzukommt.

Teilweise ist dessen Qualität zwar nicht so toll, aber viele Unterstützer wollen offenbar einen Solo-Modus und dem Wunsch kommen die Entwickler nach.

Mehr Abwechslung

Es hat auch den Anschein, als ob größere Spielerzahlen oft nicht mehr so zeitgemäß sind. Der Trend geht eher weg von Partien mit 5 oder 6 Spielern. Zum einen ist die Downtime pro Spieler bei höheren Spielerzahlen meist auch höher. Zum anderen steigt die Gesamtspielzeit an.

Und weil es heute so viele Gesellschaftsspiele gibt und auch so unterschiedliche Geschmäcker bei den Spielern, teilt man sich am Spieleabend dann oft eher in kleinere Gruppen auf, als zu fünft oder zu sechst am Tisch zu sitzen.

Automa …

Nicht zuletzt ist einfach auch die Umsetzung der Soli-Modi in den letzten Jahren deutlich besser geworden in vielen Fällen. Automa-Decks gibt es mittlerweile viele, aber auch ansonsten wird oft gute Arbeit bei den Solo-Modi geleistet.

Dieser Trend bietet z.B. die Möglichkeit mit virtuellen Mitspielern zu spielen. Man sitzt zwar allein am Tisch, aber hat dennoch virtuelle Gegner.

Wie geht es weiter mit dem Gesellschaftsspiel?

Wie schon gesagt, sind die aufgelisteten Gründe allesamt Vermutungen, die sich nur schwer verifizieren lassen. Mich würde dazu auf jeden Fall eure Meinung interessieren.

So kann ich am Ende kein eindeutiges Fazit ziehen. Auf jeden Fall gibt es immer mehr Spiele mit Solo-Regeln, was teilweise eben auch einfach Marketing ist, um noch mehr Spieler anzusprechen. Allerdings sind gerade die Solo-Modi nicht immer so gut, wie das Spiel mit mehr Spielern. Zudem erkennt man keinen Trend hin zu reinen Solo-Spielen. Reine Solo-Spiele gibt es nur wenige.

Dennoch nimmt die Zahl der Spiele mit 1-Spieler-Unterstützung deutlich zu, während das Wachstum bei den Spieler mit 5- und 6-Spieler-Unterstützung langsamer ist.

Man muss dabei aber immer auch die Gesamtzahl der Spiele betrachten. Diese ist seit Anfang der 2000er deutlich angestiegen. Selbst wenn der Anteil der 5-6 Spieler Spiele abnimmt, ist deren absolute Zahl ebenfalls angestiegen. Das gilt für alle Spielerzahlen und so muss man sich auch in Zukunft wohl keine Sorgen machen, dass man keine Spiele mehr für die eigene Spielerunde finde.

Gesellschaftsspiele bleiben uns auf jeden Fall erhalten, da sie den großen Pluspunkt haben, dass man mit anderen Menschen am Tisch sitzen kann.

Was denkt ihr über diese Entwicklung und die Zukunft der Gesellschaftsspiele?

1 Kommentar

  1. Schöner Text mal wieder. Der Primärgrund ist glaube ich ganz simpel: Eine größere Spreizung der möglichen Spieleranzahlen, verbessert schlicht und ergreifend die Vermarktbarkeit.

    Habe mich in den letzen Jahren mit diversen Verlagsvetretern über das Thema Spieleranzahl unterhalten. Der Tenor ist: Spiele, die erst ab 5 Spielern funktionieren, verkaufen sich deutlich schlechter. Ebenso solche, die reine Zweier sind. Je flexibler das Spiel in diesem Bereich, desto besser der Umsatz.

    Solo ist vor allem für uns Süchtigen eine nette, zusätzliche Option. Selbst *wenn* man eine feste Gruppe hat, erhöhen solotaugliche Spiele die eigenen Möglichkeiten. Und – schwups – sitzt die Mark, pardon, der Euro direkt lockerer.

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