Immer mehr Nischen-Brettspiele erscheinen auf deutsch dank kleiner Verlage, wie z.B. dem brandneuen Strohmann Games Verlag.

Ich habe mit Gründer und Inhaber Marcel ein Interview über die Entstehung des Verlages, Herausforderungen bei der Lokalisierung, Brettspiel-Neuheiten und mehr gesprochen.

Viel Spaß.

Hallo Marcel. Bitte stell dich kurz vor.

Mein Name ist Marcel Straub, ich bin gebürtiger Stuttgarter und lebe, nach Zwischenstationen in Seattle und Frankfurt, jetzt schon ein paar Jahre im schönen Köln.

Wie bist du zum Brettspiel-Hobby gekommen und was waren deine ersten Spiele?

Das ist bei mir ja durchaus schon etwas länger her, so dass die Erinnerung an meine ersten Spiele schon etwas verblasst ist. Eines meiner ersten Spiele war Stratego – da erinnere ich mich noch dran, weil ich es geschenkt bekommen hatte und frustriert war, weil die Altersangabe deutlich über meinem damaligen Alter lag. Ein paar Jahre später konnte ich es aber dann doch genießen.

Ansonsten erinnere ich mich noch an ein paar altersgerechtere Spiele seiner Zeit, weitestgehend noch von MB mit dem Gong präsentiert oder von Parker, wie z.B. Fang die Maus, Spukschloss, U-Boot Jagd oder Verlies. Ob man das dann aber schon als Hobby bezeichnen konnte ist diskutabel.

„Ernsthafter“ wurde es dann erst, als auch beim Spiel des Jahres etwas Dynamik reinkam. Ich erinnere mich an viele Runden Scotland Yard, Dampfross, Sherlock Holmes Criminal Cabinet, usw. ehe dann Siedler von Catan das Ganze noch mal auf ein neues Level gebracht hat. Gefühlt hatte sich dann die Auswahl an guten und anspruchsvolleren Spielen immer weiter verbreitert und irgendwann hatte ich es dann mal auch die SPIEL nach Essen geschafft. Spätestens jetzt war es dann auch ein „ernsthafteres“ Hobby.

Du hast den Verlag Strohmann Games gegründet. Warum und was bedeutet der Name?

Strohmann GamesWir waren ja gerade schon beim Hobby und ich hatte dann in den letzten Jahren immer mal wieder drüber nachgedacht, eben dieses dann auch zum Beruf zu machen.

Da ich beruflich aus dem kaufmännischen Bereich komme und in diesem Zusammenhang auch viel international unterwegs war, habe ich dann entschieden einfach mal ins kalte Wasser zu springen und einen Verlag mit Schwerpunkt Lokalisation zu gründen.

Auf die Idee mit dem Namen „Strohmann“ kam ich dann, als ich in ersten Gesprächen mit den ausländischen Verlagen war. Er folgt so ein bisschen dem Gedanken, dass ich quasi als Strohmann für den internationalen Lizenzgeber auf dem deutschsprachigen Markt agiere. Zusätzlich fand ich den Namen auch sehr eingängig.

Du konzentrierst dich also auf Lokalisierungen. Welche ersten Titel werden bei dir erscheinen?

Zunächst erst mal Flotilla, Formosa Tee und Fantastische Reiche (Fantasy Realms). Ich hatte mir ursprünglich 2-4 Titel fürs erste Jahr vorgenommen denke aber, dass es bei diesen drei für 2020 bleiben wird.

Flotilla

(Strohmann Games)
Nach einem Atomkrieg in den 50er Jahren stieg der Wasserspiegel an und die Spieler müssen schwimmende Dörfer aus Abfall führen. Dabei suchen wir nach Ressourcen auf dem Meeresboden, heuern eine Crew an und versuchen Einfluss zu gewinnen.
Autoren: J.B. Howell, Michael Mihealsick
Grafiker: Bartek Fedyczak
3 - 5
Spieler
ab 14
Jahren
ca. 90
Minuten
7.3 von 10
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2020

Formosa Tea

(Strohmann Games)
In Taiwan bauen wir Tee per Worker Placement an, verbessern unsere Technik und verkaufen diesen.
Autor: Chu-Lan Kao
Grafiker: Sammixyz, Huang Yu Wen
2 - 4
Spieler
ab 12
Jahren
40 - 90
Minuten
7.6 von 10
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2020

Fantastische Reiche steht ja zurecht schon sehr lange bei einigen Spielern sehr hoch im Kurs und es hatte mich verwundert, dass bisher noch kein Verlag eine deutsche Version veröffentlicht hatte.

Fantastische Reiche

(Strohmann Games)
Als Herrscher wollen wir das mächtigste Reich aufbauen. Dazu wählen wir Karten und müssen immer wieder Entscheidungen treffen.
Autor: Bruce Glassco
Grafiker: Octographics
3 - 6
Spieler
ab 14
Jahren
ca. 20
Minuten
7.5 von 10
BGG Bewertung
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2020

Wieso hast du dir Flotilla und Formosa Tea für Strohmann Games ausgesucht? Was ist das Besondere daran?

Grundsätzlich möchte ich Spiele auswählen, die einen hohen Spielspaß mitbringen, aber auch etwas Besonderes haben und sich damit auch, vielleicht auch erst auf den zweiten Blick, von der Masse abheben. Das heißt nicht, dass sie das Rad jedes Mal neu erfinden, sondern schon gerne auch bekannte Mechaniken aufnehmen dürfen, aber eben auch noch etwas Besonderes hinzufügen.

Bei Flotilla ist dies die Möglichkeit, einmal im Spiel die Seite zu wechseln, dann sein Spielmaterial auf die Rückseite zu drehen und den Rest des Spiels in dieser veränderten Rolle zu agieren. Ich finde hier ist es sehr gut gelungen, dass man in der veränderten Rolle plötzlich andere Schwerpunkte und Möglichkeiten hat, aber doch weiter im gleichen Spiel bleibt.

Zusätzlich hat das Spiel sehr viele Elemente, bei denen sich Entscheidungen eines Spielers kurz- und langfristig auf die Möglichkeiten der anderen Spieler auswirken.

Formosa Tea hatte ich in Essen kurz angespielt und auch direkt gekauft. Das grundsätzliche Worker Placement Element ist hier natürlich nicht neu, wurde aber mit einem „Worker-Advancement“ Element ergänzt, was mir sehr gut gefallen hat, insbesondere weil Interaktion und Timing dadurch nochmal eine Stufe interessanter wurden.

Zusätzlich stellt das Ganze auch thematisch sehr schön den Prozess der Teeherstellung dar, und bettet es sehr liebevoll in die Geschichte des Tees in Taiwan (Formosa) ein.

Welcher Aufwand steckt in einer Lokalisierung und was ist dabei besonders wichtig?

Natürlich muss man erst mal die richtigen Spiele identifizieren und dann braucht man auch noch das Quäntchen Glück, dass man für diese auch die Lizenz für die deutsche Version bekommt.

Die eigentliche Lokalisierung besteht dann natürlich insbesondere in der Übersetzung der Spielkomponenten, einschließlich Regel. Was hier erst einmal sehr einfach klingt, birgt dann aber doch einige Herausforderungen. Zum Beispiel gibt es immer wieder die Entscheidung: Welche Begriffe belasse ich auf Englisch und welche übersetze ich.

Tendenziell spreche ich als Lokalisierer ja eher Spieler an, die sich in der englischen Sprache nicht so sicher fühlen und die englische Version entsprechend vermieden haben, und versuche entsprechend auch das meiste zu übersetzen. Aber bei manchen Begriffen, wäre die Übersetzung so abstrus, dass man hier dann auch den festen englischen Begriff beibehält. Der Übergang ist natürlich fließend und mir ist sehr bewusst, dass man es hier nicht jedem recht machen kann.

Wichtig ist auch, dass der Text, insbesondere in der Spielregel, sich wie ein nativer deutscher Text liest und entsprechend nicht hölzern wörtlich übersetzt ist. Auch das ist nicht immer einfach, weil man natürlich vom englischen Text kommt und dann selbst nicht immer zwingend erkennt, dass man den Satz originär auf Deutsch komplett anders aufgebaut hätte. Hier helfen natürlich Lektorate und vor allem die Erfahrung, die man im Laufe der Zeit sammelt.

Dein Verlag ist ganz neu. Was sind die größten Herausforderungen bei der Etablierung eines neuen Brettspiel-Verlages?

Ich denke vor allem muss man erst mal auf den Schirm der Spieler gelangen. Es hilft ja nichts, wenn niemand den Verlag kennt. Eine gute Spielauswahl hilft da natürlich schon mal sehr, um Aufmerksamkeit zu generieren. Danach muss man aber auch daran arbeiten, dass die Produkte auch gut werden.

Beim Spiel selbst ist das eventuell noch einfacher, da dies ja grundsätzlich schon existiert und hoffentlich seine Qualität auch schon bewiesen hat. Aber, wie vorher schon erwähnt, ist natürlich erst mal die Qualität der Lokalisierung/Übersetzung relevant.

Und zusätzlich muss man sicherstellen, dass auch das Spielmaterial keine Qualitätsmängel ausweist. Denn das ist dann die Kehrseite: Wenn man einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat, bekommen auch viele Spieler mit, wenn die Qualität nicht passt.

Welche Auswirkungen hat der Ausfall der SPIEL in Essen und anderer Veranstaltungen für deinen Verlag Strohmann Games?

Das kann ich mangels Erfahrung gar nicht so richtig beantworten. Ich hatte mich natürlich schon auf meine erste SPIEL als Aussteller gefreut, aber mir ist auch bewusst, dass das mit nicht unerheblichem Aufwand verbunden gewesen wäre, sowohl finanziell als auch organisatorisch.

Auch wenn der direkte Verkauf von Spielen auf einer Messe eine schöne Einnahmequelle für einen Verlag ist, habe ich jetzt schon von mehreren Seiten gehört, dass das in der Regel gerade mal die Messeausgaben deckt. Da mag es bestimmt auch Ausnahmen geben, aber insofern sind die direkten finanziellen Einbußen wahrscheinlich gar nicht so relevant.

Aber natürlich wäre es schön gewesen Strohmann Games erstmalig auf der Messe zu präsentieren und den Bekanntheitsgrad zu steigern.

Solo-Spiele sind durch die Krise derzeit im Kommen. Was hältst du davon?

Ich persönlich bin kein Solo-Spieler. Ich hatte ein paar Mal bei diversen Spielen versucht, den Solo-Modus zu spielen. Meistens fungiert da ja eine Art „Bot“ als Gegenspieler. Mir war das aber immer zu viel „Verwaltung“.

Wenn ich Brettspiele spielen möchte und keine Mitspieler habe, greife ich aber regelmäßig zur Brettspiel-App. Da wird mir die Verwaltung abgenommen und in den meisten Fällen ist die Umsetzung auch richtig gut. Insbesondere bei komplexeren Spielen fehlt es hier zwar manchmal an der Übersichtlichkeit, aber das finde ich im Vergleich zur Solovariante auf dem Tisch immer noch das kleinere Übel.

Zum Schluss würde mich interessieren, welche deine Lieblings-Brettspiele sind.

Grundsätzlich bewegen ich mich ganz gerne im Kenner/Experten-Bereich und dort habe ich dann ich Spiele am liebsten die keinen relevanten Glücksfaktor aufweisen.

Entsprechend steht bei mir ganz oben auf der Liste: Caylus, gefolgt von Terra Mystica und Hansa Teutonica. Dicht dahinter dann Wasserkraft und Einfach Genial (um nicht nur ganz schwere Strategiebrecher aufzuzählen).

Danke für das Interview und viel Erfolg

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