Die Brettspiel-Verlags-Landschaft ist vielfältig in Deutschland und das ist schön so. Ein kleiner Verlag, der in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erzeugt hat, ist Edition Spielwiese in Berlin.

Im Gespräch mit dem Gründer Michael Schmitt spreche ich über die Entstehung des Verlages Edition Spielwiese, erste Erfolge, Lieblingsspiele und die Zukunft des Verlages.

Viel Spaß beim Lesen.

Hallo Michael. Bitte stell dich kurz vor.

Ich bin Michael Schmitt, seit 2006 Betreiber der Spielwiese Berlin, einer Ludothek mit Laden und Cafe im Berliner Stadtteil Friedrichshain.

Wie bist du zum Brettspiel-Hobby gekommen und was waren deine ersten Spiele?

Zum Hobby gekommen bin ich schon als Kind in den 70er Jahren, noch bevor es das Spiel des Jahres gab.

Die ersten Spiele habe ich mit meiner Oma gespielt. Meist kleine Spiele wie Mühle, Halma, Malefiz. Meine Familie hat auch immer schon zu Weihnachten Spiele gekauft, die dann über die Feiertage von 3 bis 4 Generationen zusammen gespielt wurden. Privatfernsehen gab es damals noch nicht.

In der Grundschule habe ich mit meinem damals besten Freund bis zum Exzess Risiko gespielt und uns sogar unsere jeweiligen Armeen aus Zinn gegossen. Heute machen es die Leute mit ihrem 3D Drucker.

Nachdem ich dann eine Weile in der Rollenspielwelt gefangen war und bis zum Abitur D&D gespielt habe, ist es mit dem Brettspielen erst wieder im Studium Ernst geworden. An meinem Studienort gab es schon Anfang der 90er eine Musikerkneipe, in der es eine ganzes Menge Spiele zur freien Verfügung gab. Nix anspruchsvolles, sehr viele MB Plastikmonster und auch Kinderspiele, aber auch Partiespiele wie Activity, Therapie etc.. Als Die Siedler von Catan damals dann Spiel des Jahres wurde, habe ich auch wieder privat angefangen, Spiele zu kaufen und begonnen, privat zu spielen.

Du hast eines der ersten Brettspiel-Cafes gegründet. Wie kam es dazu und wie hat es sich entwickelt?

Schuld daran war tatsächlich meine Zeit in Passau. Ich habe festgestellt, was für ein Eisbrecher Spiele sein können. Von Anfang an ging es mir nicht darum, der „Szene“, die es damals natürlich auch schon gab, einen weiteren Treffpunkt zu geben. Es gab schon Spieletreffs genug für diese Klientel. Mir ging es von Anfang an darum, einen Treffpunkt zu schaffen für Menschen, die einfach eine schöne Zeit haben wollen, ohne sich im Vorfeld viel mit Spielen beschäftigte zu haben.

Damals 2006 gab es als Spielekneipe vor mir die Triangel in Dresden, die mich sehr beeindruckt hat und schon etliche Spielevereine in Berlin. Beides waren Konzepte, die ich nicht mochte. Während in Spielevereinen der Hauptfokus tatsächlich auf dem Spielen lag und der soziale Aspekt meines Erachtens zu kurz kam, stand in der Triangel die Küche und der Konsum im Vordergrund und Spiele dienten quasi nur als sehr gut ausgebautes Zusatzangebot, um sich von anderen Kneipen abzugrenzen.

Für mich hingegen stand von Anfang an der soziale Aspekt im Vordergrund: Die Leute sollten Spass haben. Und das von mir aus auch mit simplen Spielen. Meine knapp 2.000 Spiele unfassende Ludothek hatte aus diesem Grund auch keinerlei Einschränkung. Kunden, die nur durch Zufall hier hereingestolpert sind, durften und konnten gerne erst einmal mit ihren Bekannten aus der Kindheit beginnen. Erst dann haben wir sie sanft an den Rest der Wand herangeführt.

Wie ist der Edition Spielwiese Verlag entstanden und seit wann veröffentlicht ihr Brettspiele?

Gleich im ersten Jahr kam Jeffrey Allers auf mich zu, der eine Ausweichlocation für die Berliner Spieleautorenrunde gesucht hat. Für diese habe ich dann auf meinen freien Montag verzichtet und seitdem jeden Montag Autoren in der Spielwiese zu Gast gehabt.

2016, zum 10. Geburtstag der Spielwiese, hat mir diese Runde ein Plakat überreicht, auf dem alle Spiele abgebildet waren, die entweder hier entstanden sind, oder an denen die Spielwiese auf die eine oder andere Art beteiligt war. Es waren damals schon über 50 bei allen möglichen Verlagen.

Aus der Gruppe wurde in den Jahren immer wieder an mich herangetragen, die Spiele nicht aus der Hand zu geben und selbst zu veröffentlichen, aber erst der „Schubs“ von Uwe Rosenberg hat mich dann 2014 dazu bewogen, es selbst zu versuchen. Vorher habe ich immer abgewiegelt mit dem Argument, dass mir die Ludothek und das Café genügen würde.

Was waren die ersten Brettspiele von Edition Spielwiese?

Cottage Garden - Interview mit Michael Schmitt vom Spielwiese VerlagWERBUNG

2006 haben wir mit Cottage Garden begonnen, das die Puzzletrilogie begründet hat, und dem dann Indian Summer und Spring Meadow nachgefolgt sind.

Die Spiele zwei und drei waren dann Memoarrr! und Noria, die ebenfalls beide sehr erfolgreich waren.

Was ist der größte Brettspiel-Erfolg eures Verlages?

Der größte Erfolg… Das ist nicht leicht zu sagen. Mit Cottage Garden haben wir einen fulminanten Start hingelegt und alleine auf unserer ersten Messe in Essen unsere komplette erste Auflage in drei Tagen verkauft. Man hat mir gesagt, dass es vorher kein Spiel gab, dass sich in solchen Mengen verkauft hat.

Das Spiel, das bisher am meisten Beachtung erfahren, am meisten Preise und Nominierungen auf sich gezogen hat, ist dagegen Memoarrr! von Carlo Bortolini. Hier reißt der Erfolg nicht ab. Es kommen immer noch Länder hinzu, die das Spiel haben wollen, wir bekommen Lizenzen angeboten, in denen das Spiel erscheinen soll und sind auch hier in Deutschland ständig am Nachdrucken.

Wie suchst du neue Brettspiele für deinen Verlag aus? Auf was achtest du besonders?

Bei meinen Spielen, die ich im Verlag haben möchte, steht bei mir in erster Linie im Vordergrund, dass ich Spaß daran habe. Denn ich bin kein Vielspieler und kein Nerd. Ich habe hier erst einmal keine Denkverbote.

Meinen Redakteuren sage ich zwar, dass sie mir möglichst Spiele zeigen sollen, die sich nicht Multiplayer-Solitaire anfühlen und gerne auch Glückselemete beinhalten. Ich bin auch kein Gegner von Würfeln. Außerdem sollen sie möglichst nicht zu lang sein und mit möglichst wenigen Regeln auskommen. Und wenn das Spiel dann auch von einer Autorin ist, möchte ich es auf alle Fälle sehen.

Wie läuft die Umsetzung eines neuen Brettspiels von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt ab? Wie lange dauert das?

Noria - Interview mit Michael Schmitt vom Spielwiese VerlagWERBUNG

Wenn wir einen Prototyp bekommen, bin ich oft der erste, immer allerdings der letzte, der das Spiel spielte, bevor wir einen Vertrag unterzeichnen. Auch wenn ein Vertrag schon unterzeichnet ist, weil ich Potential in dem Spiel gesehen habe, und es stellt sich im Entwicklungsprozess heraus, dass es ein bestimmtes Niveau nicht erreichen wird, ziehe ich noch die Reißleine.

Sollten wir uns dann auf ein Spiel eingeschossen haben, geht es auf die Suche nach dem passenden Illustrator. Ein Teil meiner Philosophie ist es, Spiele anders aussehen zu lassen, als sie sehr lange Zeit in Deutschland ausgesehen haben. Das bedeutet, dass ich auch bereit bin eingefahrene Wege zu verlassen und Illustratoren außerhalb der Szene zu suchen. Das ist natürlich gefährlich, wie ich in der Zwischenzeit lernen musste. Nicht alles, was man sich bei einem Spiel gedacht hat, wird dann von den Kunden verstanden. Ich werde hier in Zukunft etwas subtiler vorgehen müssen, um niemanden zu überfordern.

Die Entwicklungsdauer der Spiele ist total unterschiedlich. Wir arbeiten sehr eng mit den Autoren zusammen. Und oft ist es so, dass ein Prototyp so elegant und komplett durchdacht ist, dass man vor Ehrfurcht den Hut zieht, aber in normalen Gruppen einfach kein Spielspaß aufkommt. Gerade Jungautoren tun sich hier dann sehr schwer, wenn man ihnen Änderungen an ihren Schätzchen vorschlägt. Und je einfacher ein Spiel am Ende erscheint, desto schwieriger war meist die Entwicklung. Es ist um einiges einfacher, Probleme in der Mechanik durch eine zusätzliche Regel auszubessern, als einen Spiel mit möglichst wenigen Regeln zu entwickeln.

Wenn wir hier dann soweit sind, beginnt die Produktionsplanung zusammen mit unseren Ansprechpartnern beim Produzenten. Damit das Spiel bezahlbar bleibt, kann es dann nämlich durchaus sein, dass sich auch am Spiel noch Kleinigkeiten ändern müssen.

Die SPIEL 2019 ist nicht mehr weit entfernt. Welche Neuheiten erwarten uns aus deinem Verlag 2019?

Dieses Jahr in Essen werden wir wieder mit zwei Spielen am Start sein. Das erste ist eine Co-Produktion von Corné van Moorsel und Uwe Rosenberg, kein Puzzelspiel dieses Mal, Plättchen legen darf man aber weiterhin, und ein kleines, sehr feines Deduktionskartenspiel eines jungen griechischen Autoren, der auch Teil meiner montäglichen Spieleautorenrunde in der Spielwiese ist.
Erste Blicke auf beide kann man vielleicht schon auf der BerlinCon werfen.

Zum Schluss würde mich interessieren, welche deine aktuellen Lieblings-Brettspiele sind.

Ich habe keine Lieblingsspiele. Ich habe Spiele, die ich in verschiedenen Gruppen am liebsten spiele. Wie ich oben schon geschrieben habe, bin ich ein Spieler, bei dem der soziale Aspekt eher im Vordergrund steht. Auch wenn ich es natürlich immer versuche, ist mir Gewinnen weniger wichtig als der Spaß. Von daher kann ich nur sagen, bei welchen Spielen man mich nicht fragen sollte, ob ich Lust hätte mitzuspielen:

Spiele ohne Glückselement, bei denen ich als Bauchspieler nicht die Möglichkeit habe verschiedene Strategien zu testen und mich dann bei einer falschen Entscheidung gnadenlos abgehängt fühle. Oder Spiele, die Kettenzüge ermöglichen bzw. Analyse Paralyse geradezu herausfordern. Wenn ein Spiel für mich zu viel Downtime hat, dass ich das Gefühl bekomme die Wohnung putzen zu können, während ich auf meinen Zug warte, lehne ich dankend ab.
Klingt nach Dominion? Volltreffer. Das ist mein absolutes Hassspiel.

Ja, sage ich meist bei kooperativen Spielen und/oder Rätselspielen. Ich bin ein ganz großer Fan der Exit Reihe der Brands und von Micha Menzels Andor. Genau so bekommt man mich fast immer zu einer Runde Pandemie oder Gloomhaven überredet.

Aber selbst bei einem simplen Catan Grundspiel sage ich nicht nein.

Danke für das Interview